Inhalt
- Einleitung
- AKTUELLES
- "60 Minuten"
- Neues Journal
- Autor / Verfasserschaft
- Edward de Vere
- Oxford
- Stratford
- London um 1600
- Eine Entdeckung
- 1604
- Literatur
- Film
- Theater
- Forschung
- Detobels Collected Essays
- de Vere und Burghley
- Publication History
- Namensgebung bei Shakespeare
- Neues Shake-Speare Journal
- Der Graf als Ochse
- Aus der de-Vere-Forschung
- Aus dem "Globe"
- Questioning Shakespeare
- Shakespeare und Italien
- Freud und Shakespeare
- Othello, honest, honesty
- Der Sturm
- PT-Theorie
- Sidney und Ben Jonson
- Die Kandidaten
- Melicertus
- Brief Chronicles
- School and University
- Irrtümer
- Kritik
- Portraits
- Werke
- Bildergalerie
- Satire
- FAQs
- Archiv
Der Graf als Ochse
Wer ist Apis lapis? Neues Steinchen im Shakespeare-Puzzle
über ein neues Forschungsergebnis von Robert Detobel.
Richard Kämmerlings berichtete in der Frankfurter Allgemeine
Zeitung,
(18.08.1999, Nr. 190, S. N5)
Er führte folgendes aus:
"Kriminalisten und Philologen haben vieles gemeinsam. Beide mögen gelegentlich
wünschen, die Steine - die Wände des Tatorts oder die Gemäuer eines
historischen Bauwerks - zum Sprechen bringen zu können. So aber sind sie bei
aller Spurensicherung auf ihre Intuition angewiesen, um die Vergangenheit zu
enträtseln. Über Thomas Nashe, den früh verstorbenen Zeitgenossen Shakespeares
(1567 bis 1601), sind viele biographische Details bekannt, und dennoch gibt er
der Literaturwissenschaft bis heute einige Rätsel auf. Unklar war zum Beispiel,
wem die umfangreiche Widmung seiner Polemik "Strange Newes" (1593)
galt. Nashe, heute vor allem bekannt als Verfasser des "Unfortunate
Traveller", des ersten "Prosaromans" englischer Sprache,
versetzt in dieser Schrift einmal mehr dem Dichter Gabriel Harvey einen
literarischen Schwerthieb.
"Strange Newes" hebt an mit einer Widmung "an den ergiebigsten
Liederdichter unserer Zeit und denkwürdige Geißel des Priscian, seinen wahren
Freund Apis lapis". Im folgenden wird dieser Schriftsteller auch mit
"M. William" angesprochen. Die Forschung hat sich bislang damit
zufriedengegeben, den lateinischen Decknamen zu anglisieren und dann (apis
gleich Biene und lapis gleich Stein) einen William Beeston als Adressaten
auszumachen. Zwar sind Männer dieses Namens bezeugt, ein Christopher Beeston,
zeitweilig Schauspieler in Shakespeares Truppe, hatte etwa einen Sohn namens
William. Leider ist über Beeston sehr wenig bekannt, und die wenigen Fakten
passen gar nicht zu den weiteren Ausführungen Nashes über den offenbar
bedeutenden Dichter. Robert Detobel hat nun den Text der Widmung neu übersetzt
und ausführlich kommentiert, um in einer wahrlich detektivischen Schlussreihe
einen weit berühmteren Adressaten dingfest zu machen"
Die Originalarbeit, auf die Kämmerlings sich bezieht:
Robert Detobel, "Eine Widmung",
in: Neues Shakespeare Journal, Bd. 4, S. 72 ff.
Verlag Uwe Laugwitz, Buchholz 1999
Kämmerlings führte weiter aus:
"Dazu untersucht Detobel akribisch die Replik Gabriel Harveys "Pierces
Supererogation", die sich - ebenfalls in rhetorisch verschlüsselter Form -
nicht nur gegen Nashe selbst, sondern auch gegen dessen Freund Henry Chettle
und einen ominösen Dritten richtet, der nur unter dem Namen "Vollochse"
genannt wird. Der Ochse allerdings sei niemand anders als Edward de Vere, Graf
von Oxford, der manchmal kurz "Ox" genannt wurde. Somit liegt es
nahe, in dem als Theaterliebhaber und Liederdichter bekannten engen Vertrauten
der Krone auch den Adressaten von Nashes Widmung zu sehen. Apis wäre dann nicht
die Biene, sondern der altägyptische heilige Stier; lapis verweise auf das
übliche Verfahren, Stiere mit Steinen zu kastrieren, also zum Ochsen zu machen.
Mit dieser Hypothese kann Detobel einige unverständliche Stellen in Nashes
Widmung auflösen. Beispielsweise ist dort die Rede von einer Taverne "Zum
blauen Eber". Blau ist die Farbe des Hauses Oxford, der Eber sein
Wappentier. Ein weiteres Indiz liefert die Freundschaft von Apis lapis mit dem
bislang nicht identifizierbaren "Meister Vaux of Lambeth". Nach Detobel
handelt es sich hier um den mit Oxford bekannten Lord Vaux of Harrowden. Die
Namensänderung sei ein böser Witz Nashes, der damit auf den Sitz des
erzbischöflichen Gerichts in London, Lambeth Palace, anspielt, vor das der
bekennende Katholik wohl des öfteren geladen worden sei. Nun wäre so ein
gewaltiger philologischer Aufwand vergebliche Liebesmüh, wenn es Detobel nur
darum ginge, die Bekanntschaft Nashes mit Edward de Vere zu belegen. Tatsächlich
geht es aber um Shakespeare. Detobel ist Oxfordian, Anhänger jener
qualifizierten Minderheit unter den Renaissanceforschern, die Shakespeare mit
Edward de Vere, dem Grafen von Oxford, identifizieren und die Autorschaft des
Stratforder Handwerkersohns nur für ein perfektes Tarnmanöver halten. Apis
lapis bildet einen weiteren Mosaikstein im Indiziengebäude. Denn in einem
zweiten Schritt kann Detobel plausibel machen, dass die Aufforderung Nashes an
"M. William", ein Stück gegen Harvey zu verfassen, ihren Niederschlag
in scherzhaften Szenen in "Love's Labour's Lost" gefunden haben.
Shakespeares Don Armado sei, wie schon zuvor Sir Tophas aus John Lylys
"Endimion", eine Karikatur des Dichters als pedantischer "miles
gloriosus".
Bereits viel früher, 1578, hatte Harvey den Grafen von Oxford aufgefordert
"die Feder wegzuwerfen" und "Speere zu schütteln". Auf sein
Schmähgedicht "Three proper familiar letters" (1580), das sich
ebenfalls gegen de Vere und seinen literarischen Ehrgeiz richtete, spielt Nashe
an. Für den Oxfordian ist klar: Nachdem de Vere sich in der Zwischenzeit seinen
Stratforder Strohmann zugelegt hat, kann er die alten Schmähungen nun ein
weiteres Mal zurückzahlen, indem er Harvey auf der Bühne parodiert. Beide
Schlussketten in dieser Argumentation sind für sich genommen stimmig: Wer die
Folgerung, dass Shakespeare gar nicht Shakespeare war, für abwegig hält, muss
nach der Schwachstelle fahnden. Die Antwort der Stratfordians wird nicht lange
auf sich warten lassen."
Mit dieser letzten Einschätzung behielt Kämmerlings allerdings nicht recht. Eine Antwort blieb bis heute aus. Es ist die sonst auch geübte Praxis von Stratford: Neue wissenschaftliche Ergebnisse werde doch Ignorieren und Verschweigen bearbeitet.